

Wie im ersten Sport-Blogartikel versprochen, folgt hier der zweite Streich. Die nächsten Zeilen sollen erläutern, wie sich ein Sportanlass aus der Sicht eines Fotografen abspielt, anfühlt und wo die Tücken liegen. Dieser «Tag im Leben eines Sportfotografen» zeigt Eindrücke des WM-Vorbereitungsspiels zwischen der Schweiz und Russland, am 30.4.2021 in der Tissot Arena in Biel.
Die Vorbereitung
«Habe ich auch meine Speicherkarte eingepackt? Wieso ist der Akku schon wieder leer – ich habe ihn doch erst letzten Monat geladen?» … Solche Fragen sollen erst gar nicht aufkommen. Ganz sicher nicht, wenn man bereits vor Ort Stellung bezogen hat.
Eine gute Vorbereitung ist somit die halbe Miete. Ein paar Stunden vor Spielbeginn prüfe ich deshalb mein (Foto-)Material. Für den Einsatz bereit sein müssen zwingend die Kamera, gewünschte Objektive, Speicherkarten, geladene Akkus und das Notebook, um die Bilder während den Spielpausen zu übertragen. Um in den «heiligen Eishockeyhallen» Zugang an die Bande zu erhalten, braucht es ebenfalls die sogenannte Medien-Akkreditierung, die vom Medienchef des jeweiligen Heim-Clubs ausgestellt wird. Die Akkreditierung erlaubt den Medienvertretern den entsprechenden Zugang ins Stadion und auf die Medientribüne. Den Fotografen wird zusätzlich eine offizielle Foto-Weste ausgehändigt, die sie während der gesamten Spieldauer tragen müssen.
Im Stadion angekommen
Ich treffe 45 Minuten vor Spielbeginn ein. Nun gilt es noch einige Vorarbeiten zu leisten. Da ich Bilder für ein Hockey-Fanportal und eine Agentur abliefere, müssen den Bildern entsprechende Metadaten angehängt werden. Es muss ersichtlich sein, wo das Spiel stattfindet, welche Teams sich gegenüber stehen und wer auf dem Foto gerade in Aktion zu sehen ist. Die Journalisten können damit die gewünschten Fotos in der Bildagentur-Datenbank schneller finden, wenn von ihnen die passenden Stichworte eingegeben werden.
Die Medienvertreter erhalten vor Spielbeginn eine Liste mit der Spielaufstellung, welche Auskunft gibt über die Namen und Nummern der mitstreitenden Spielern. Diese Liste ermöglicht es mir, die Nummern mit den Namen fest zu verknüpfen.
In der Software «Photo Mechanic» kann ich im Anschluss meine eigene Liste importieren bzw. erstellen, die in etwa so daher kommt:
sui65 Ramon Untersander #65 (Schweiz)
sui8 Vincent Praplan #8 (Schweiz)
rus86 Kiril Marchenko #86 (Russland)
rus63 Dinar Khafizullin #63 (Russland)
Die Spielernummern dienen nun als Platzhalter bzw. Code Replacements. Ich gebe in den Metadaten eines Bildes in Photo Mechanic z.B. die Bezeichnung sui65 ein, und erhalte gleich den gesamten ausgeschriebenen Namen: Ramon Untersander #65 (Schweiz)
Somit muss ich keine Spielernamen auswendig lernen, sondern kann lediglich durch Eingabe der Spielernummer (die auf Helm, Trikot etc. meistens deutlich ersichtlich ist) den ausgeschriebenen Vor- und Nachnamen ausgeben. Dies spart natürlich Zeit, gerade wenn mehrere Akteure auf einem Bild zu sehen sind.
Die Spiele mögen beginnen!
Nun ist es soweit. Ich positionere mich meistens seitlich auf Höhe eines der Tore. Dort ist mit Zweikämpfen, Paraden oder dem Jubel über erzielte Tore die meiste Action zu erwarten. Während des gesamten Spiels kann ich beliebig den Platz wechseln und mich z.B. auf der Gegenseite oder für Portraits in die Nähe der Spielerbank hinstellen. Einige Fotografen begeben sich oft auch auf die Tribüne, um ein Spiel von oben abzulichten. Mir gefällt der Blickwinkel von unten an der Bande jedoch um einiges besser. Man hat dabei das Gefühl, Teil des Spiels zu sein – und dies spürt man häufig auch auf den gemachten Bildern. Mit meinem 70-200mm-Objektiv ist dies auch der optimale Standort bzgl. Brennweite.
Eine Hassliebe stellt das Plexiglas dar, durch welches ich nun fotografieren muss. Einerseits schützt es mich vor Pucks und Checks, andererseits tragen die zerkratzten und dreckigen Scheiben nicht gerade zur Steigerung der Bildqualität bei. Ich muss mir deshalb jeweils Stellen suchen, wo die Verschmutzung weniger stark ausgeprägt ist. Dort wird dann mein Objektiv möglichst nah am Plexiglas positioniert, um keine Spiegelungen miteinzufangen.
Zeit ist ein rares Gut
Während dem ersten Drittel schiesse ich um die 300 Fotos. Die Kamera ist dabei im Serienbild-Modus eingestellt. Während Unterbrüchen, oder wenn sich das Spielgeschehen auf das gegenüberliegende Tor verlagert, habe ich jeweils kurz Zeit, die geschossenen Bilder der letzten Szenen auf meiner Kamera anzuschauen und zu bewerten. Dabei kann ich Fotos, welche ich später verwenden möchte, bereits Kamera-intern markieren. Diese zeigt mir Photo Mechanic dann gesondert an. Dies spart wieder Zeit und ich muss während den Drittelspausen nicht hunderte von Bildern durchstöbern.
Während den genannten Pausen lade ich sämtliche Bilder in Photo Mechanic. Ich lasse mir anschliessend nur die vorher markierten Fotos anzeigen. Diese verwerte ich nun weiter, indem ich die Metadaten setze, gegebenenfalls den Bildauschnitt anpasse und den Kontrast und die Farbdynamik etwas erhöhe. Viel Zeit bleibt mir dafür nicht; in einer Viertelstunde geht das Spiel bereits weiter. Ich schaffe es, ungefähr 5-6 Fotos «druckfrisch» abzuspeichern und lade diese auf den Server der Agentur hoch – von dieser können die Bilder bei Bedarf dann zeitnah heruntergeladen werden durch die entsprechenden Kunden.
Im zweiten Drittel und der anschliessenden Pause wiederholt sich die ganze Angelegenheit. Ich achte bei der Auswahl der Bilder stets darauf, nur qualitativ hochwertige Fotos zu verwenden und abzuliefern. Unscharfe Fotos werden gnadenlos aussortiert. Gerne gesehen sind überdies Torjubel, harte Zweikämpfe, oder Emotionen im Allgemeinen. Nach Schlusspfiff habe ich nicht selten über 1000 gemachte Bilder auf der Speicherkarte – davon gelangen, wie oben beschrieben, nur die wenigsten in die Öffentlichkeit.