

Der Wecker klingelt früh an diesem Morgen. Mein Ziel ist die Station der Luftseilbahn in Sörenberg, die mich noch vor Sonnenaufgang aufs Brienzer Rothorn bringen soll. Diese Sonnenaufgangsfahrten werden im Sommer jeweils am Sonntag angeboten, sofern das Wetter mitspielt. In nicht ganz 10 Minuten gelangt man auf den höchsten Gipfel im Kanton Luzern. Ich geselle mich zu den anderen Frühaufstehern, suche mir einen Platz in der Gondel und lasse mich auf den Berg fahren. Heute ist ein wolkenloser Morgen und es scheint ein schöner Tag zu werden. Aus fotografischer Sicht empfinde ich diesen Umstand persönlich als nicht optimal und erwarte kein grosses Stimmungsfeuerwerk am Himmel. Oben angekommen, stelle ich fest, dass der Grossteil der Leute gleich die Aussichtsplattform anvisiert, um den Tag und die Sonne zu begrüssen. Ich entscheide mich spontan, nicht dem Trubel zu folgen, sondern gehe in die entgegengesetzte Richtung und steuere auf den Grat zu. Es ist noch dunkel und ich beobachte die Szenerie. Ruhig liegt die Landschaft da – und plötzlich stelle ich eine Silhouette fest, die sich bewegt: ein Steinbock!
Gemütlich steht er da, blickt in die Ferne und scheint ebenfalls den neuen Tag willkommen zu heissen. Mit meinem aufgesetzten Teleobjektiv gelingen mir erste Aufnahmen und ein inneres Lächeln breitet sich in mir aus. Ich bin froh, hier zu sein und nicht auf dem Aussichtspunkt. Ich verhalte mich so ruhig wie möglich, beobachte und fotografiere ihn einige Minuten, bevor er von dannen zieht und aus meinem Blickfeld verschwindet. Der Tag erwacht langsam und ich wandere etwas dem Weg entlang. Auf einmal sehe ich weitere Hörner auftauchen. Es befinden sich weitere Steinböcke am Hang und grasen friedlich vor sich hin.
Ich bin alleine, geniesse die ruhige Stimmung und die Zeit mit diesen majestätischen Geschöpfen. Meine Anwesenheit scheint sie nicht zu stören. Sie kommen sogar immer näher in meine Richtung und es gesellen sich mitunter weitere Tiere dazu – es müssen nun an die 20 Steinböcke sein!
Glücksgefühle steigen in mir auf und ich weiss gar nicht, in welche Richtung ich fotografieren soll. Gleichzeitig erhellen die ersten Sonnenstrahlen die gegenüberliegenden Berggipfel und die Landschaft wird bald in warmes Sonnenlicht getaucht. Was für ein wunderschöner Morgen! Die Steinböcke kreuzen meinen Weg und ziehen sich in höhere Lagen zurück, bevor mir die ersten Wanderer entgegenkommen. Zufrieden gönne ich mir einen Kaffee, lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen und fahre mit der Bahn wieder ins Tal zurück.
Rausgehen, beobachten, sich auf den Moment einlassen – und manchmal entstehen die besten Bilder genau dort, wo man sie nicht geplant hat. Dieser Morgen wird mir sicher noch lange im Gedächtnis bleiben.